Wissenschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Facetten der Hochschulgermanistik

Seitdem der Begriff „Germanistik” existiert, wurde er mit verschiedensten Bedeutungen versehen. Heute ist die Germanistik (sowohl im Sinne einer wissenschaftlichen Subdisziplin als auch im Sinne einer Studienrichtung, hier: Fachrichtung) nicht mehr als ein in der philologischen Tradition verwurzelter Forschungsbereich anzusehen, der sich wie auch andere Neophilologien in Fortführung der jahrhundertealten Tradition der Klassischen Philologie bis Ende des 18. Jahrhunderts der Textforschung (mit besonderer Berücksichtigung literarischer Texte), Textanalyse und Textkritik zuwandte. Die Gegenwart stellt die Germanistik zunehmend vor neue Herausforderungen und Forschungsprobleme. Texte stehen weiterhin im Fokus der germanistischen Forschung. In den Vordergrund werden allerdings nicht nur literarische Texte, sondern auch Gebrauchstexte aus verschiedenen Lebens- und Kommunikationsbereichen gerückt. Daraus resultiert die Hinwendung zu wesentlichen Aspekten der menschlichen Existenz, zu konkreten Menschen und ihrer/ihren tatsächlich existierenden Sprache/n, zu Kommunikationssituationen mit privatem, halbprivatem sowie formellem und öffentlichem Charakter. Die Hochschulgermanistik befasst sich mit konkreten Menschen, ihren konkreten Eigenschaften und Erzeugnissen, sowohl auf der Forschungs- als auch auf der Didaktikebene. Zu ihren vorrangigen Eigenschaften und “Ausstattung” gehört aus dem Blickwinkel der Germanistik die in differenziertem Maβe internalisierte deutsche Sprache, vor allem aber die in dieser Sprache verfassten Texte, die von Menschen erzeugte Kultur, die Geschichte und die Landeskunde des deutschsprachigen Raums, in dem sie leben, sowie die Gesellschaften, Institutionen, gesellschaftliche und politische Prozesse. Die Hochschulgermanistik wendet sich den oben genannten Problemfeldern zu und schenkt gleichzeitig ihre Aufmerksamkeit den einzelnen Studenten, und zwar mit dem Ziel, das erzeugte Wissen zu transferieren und zu vermitteln. Mit einem so abgegrenzten Gegenstandsbereich trägt die Germanistik zweifelsohne dazu bei, neue Wege zu einer besseren Kommunikation zu erschließen, Feindseligkeit auf beiden Seiten zu überwinden sowie gegenseitiges Verständnis und Integration zu fördern. Auf den Punkt gebracht: tiefgründige Sprachkenntnisse sowie ein umfassendes Wissen um den kulturellen Hintergrund einer Nation bieten eine Chance für Verständigung. Unwissen erweist sich hingegen als ein gefährlicher Kurs, der zu Vorurteilen und Stereotypenbildung führt. Gegenwärtige Debatten rund um die Germanistik sollen ihre institutionellen Grundlagen nicht ausklammern. Germanistische akademische Einrichtungen sind als ein wesentlicher Faktor anzusehen, der dem akademischen Leben seine endgültige Gestalt verleiht. Einen ebenso wichtigen Pfeiler germanistischer Institutionen stellen die Tätigkeiten der dort angestellten Germanisten dar, die anspruchsvolle Aufgaben auf dem Gebiet der Germanistik zielorientiert ausführen, wie z. B. Forschungs-, Lehr- und Bildungstätigkeiten. Die Vertreter einer jeden akademischen Forschungsdisziplin, die zum Kreis der Humanwissenschaften gehört, befassen sich per definitionem mit der geistigen/ mentalen Sphäre des Menschen. Damit sind sie auch zu einer selbstbezogenen (Meta)Reflexion verpflichtet, d.h. zu einer Reflexion über das Entwicklungsniveau innerhalb ihrer Disziplin, über die Evaluierung ihrer Forschungsergebnisse sowie über ihre Forschungsziele und Forschungsgegenstand, deren Konstituierungsprozess letztendlich nie endgültig abgeschlossen werden kann. Auch die Reflexion über die Applikationsmöglichkeiten ihrer Forschungsergebnisse soll nicht unerwähnt bleiben. Allem Anschein zum Trotz sind die Humanwissenschaften von der letzteren Aufgabe überhaupt nicht entbunden. Sie sollen sich nämlich nicht lediglich auf das Beschreiben und Erklären der Welt beschränken. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Förderung gesellschaftlicher Entwicklung. Dies kann nur zustande kommen, wenn das auf dem humanwissenschaftlichen Gebiet erzeugte theoretische Wissen einen prognostischen Charakter gewinnt, um Entwicklungstendenzen des gegebenen Objekts aufzeigen und diese rationell gestalten zu können. Solch eine Herangehensweise bestimmt heute das Profil von Foresight-Studien. Die Hochschulgermanistik in Polen zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihren Forschungsgegenstand um kontrastive Analysen sowie um Erörterung lokalspezifischer Fragen bereichert. Das besondere Augenmerk gilt polnischen Muttersprachlern, die Deutsch als Fremdsprache lernen und die den Sprachlernprozess um ihr polenbezogenes Kulturwissen bereichern. Bei der Entscheidung darüber, Germanistik in Polen zu studieren, rücken üblicherweise andere Faktoren als im deutschsprachigen Raum in den Vordergrund. Für die Wahl des Studienfaches ist nicht nur ein reges Interesse an der deutschen Kultur, Literatur und Sprache entscheidend. Eine überwältigende Rolle spielen hierbei auch rein pragmatische Aspekte, wie z. B. gute Berufsmöglichkeiten. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich die Notwendigkeit ab, den oben geschilderten Bedürfnissen und Herausforderungen entgegenzukommen, wobei innovative Herangehensweisen, sowohl an die Entwicklung von Studienprogrammen als auch (teilweise) an die Bestimmung der Forschungsschwerpunkte, gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen in Betracht ziehen müssen. Die Hochschulgermanistik in Polen berücksichtigt lokalspezifische Probleme, Trends, Veränderungen und Entwicklungstendenzen, was sich in erster Linie in der didaktischen Strukturierung der Lerninhalte sowie in der Ausrichtung des Bildungsprofils widerspiegelt. Alle oben genannten Themen werden während der diesjährigen Konferenz des Verbandes Polnischer Germanisten diskutiert. Der Verband zählt über 300 (mindestens promovierte) Mitglieder, seit dem Jahr 2000 werden die VPG-Konferenzen alljährlich abgehalten.



                                                  

Präsidentin des VPG

/Prof. Dr. habil. Ewa Żebrowska/

Beschreibung der Tagung (PDF)

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